Der Pflegeprozess ist die Arbeitsmethode der professionellen Pflege. Er beschreibt, wie Pflegefachpersonen systematisch vorgehen: vom ersten Kontakt mit einem Menschen über die Einschätzung seines Pflegebedarfs bis zur Überprüfung, ob die Pflege wirkt. In der Ausbildung begegnet er dir ab der ersten Woche — und in der Abschlussprüfung ist er das Thema aller drei Klausuren und der praktischen Prüfung.

Diese Seite erklärt die sechs Schritte, zeigt sie an einem durchgehenden Fallbeispiel und gibt Hinweise, worauf es in Klausur und Praxis ankommt.

Was ist der Pflegeprozess?

Der Pflegeprozess ist ein Problemlösungs- und Beziehungsprozess. Er sorgt dafür, dass Pflege nicht zufällig oder nach Gewohnheit passiert, sondern geplant, begründet, nachvollziehbar und überprüfbar ist — individuell für jeden Menschen.

Zwei Modelle solltest du kennen:

  • Das 4-Phasen-Modell der WHO: Einschätzung (Assessment), Planung, Durchführung, Evaluation. International verbreitet und die Grundlage vieler Dokumentationssysteme.
  • Das 6-Schritte-Modell nach Fiechter und Meier (1981): Im deutschsprachigen Raum das Standardmodell in Ausbildung und Prüfung. Es teilt die Einschätzung und die Planung feiner auf.

Beide Modelle beschreiben dasselbe Vorgehen; das 6-Schritte-Modell ist nur detaillierter. Da es in Pflegeschulen und Prüfungen dominiert, folgt diese Seite dem Modell nach Fiechter und Meier.

Rechtlich ist der Pflegeprozess seit 2020 verankert: Seine Planung, Organisation, Steuerung und Evaluation gehören zu den vorbehaltenen Tätigkeiten nach § 4 PflBG, die nur Pflegefachpersonen ausüben dürfen.

Der Pflegeprozess als Regelkreis

Die sechs Schritte laufen nicht einmalig ab, sondern als Kreislauf: Die Evaluation am Ende führt zurück zur Informationssammlung, weil sich Zustand und Bedürfnisse eines Menschen ständig verändern.

SchrittBezeichnungLeitfrage
1InformationssammlungWer ist dieser Mensch, und wie geht es ihm?
2Erkennen von Problemen und RessourcenWas ist das pflegerische Problem — und was kann er selbst?
3Festlegung der PflegezieleWas soll erreicht werden — bis wann?
4Planung der PflegemaßnahmenWas tun wir dafür — wer, wann, wie?
5Durchführung der MaßnahmenWie setzen wir den Plan um?
6EvaluationHat es gewirkt — und was ändern wir?

Das Fallbeispiel: Herr Weber

Um die Schritte greifbar zu machen, begleitet uns durch diese Seite ein Fall:

Herr Weber, 82 Jahre, lebt allein in seiner Wohnung und wird seit dem Tod seiner Frau vom ambulanten Pflegedienst versorgt. Er hat eine Herzinsuffizienz, ist bei Belastung schnell kurzatmig und hat in den letzten Wochen zweimal die Wassertabletten vergessen, weil er den Toilettengang bei Spaziergängen fürchtet. Beim Wiegen zeigt sich eine Gewichtszunahme von 2 kg in vier Tagen, die Unterschenkel sind geschwollen. Herr Weber möchte unbedingt weiter selbstständig zu Hause leben.

Schritt 1: Informationssammlung

Am Anfang steht das systematische Sammeln von Informationen — die Pflegeanamnese. Quellen sind:

  • das Gespräch mit dem Menschen selbst und seinen Bezugspersonen,
  • die Beobachtung (Hautzustand, Atmung, Gang, Stimmung, Verhalten),
  • Messungen (Vitalzeichen, Gewicht, Schmerzskala),
  • Assessment-Instrumente — zum Beispiel Braden-Skala (Dekubitusrisiko), Barthel-Index (Selbstständigkeit), Sturzrisiko-Assessment, MNA (Ernährung),
  • Dokumente wie Arztbriefe, Medikationsplan, Überleitungsbogen, frühere Pflegedokumentation.

Dabei werden alle Lebensbereiche betrachtet — in vielen Schulen strukturiert nach den ABEDL (Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens) nach Krohwinkel oder nach anderen Ordnungssystemen. Wichtig ist: Informationen werden beschrieben, nicht bewertet („Herr Weber wiegt 78,4 kg, vor vier Tagen 76,4 kg" — nicht „Herr Weber hat zugenommen, weil er nicht mitarbeitet").

Bei Herrn Weber ergibt die Informationssammlung: Herzinsuffizienz NYHA III, Diuretikum nicht regelmäßig eingenommen, Gewichtszunahme 2 kg in 4 Tagen, Unterschenkelödeme, Belastungsdyspnoe, Angst vor Inkontinenz unterwegs, hohe Motivation für Selbstständigkeit, Tochter wohnt 30 km entfernt und kommt am Wochenende.

Schritt 2: Erkennen von Problemen und Ressourcen

Aus den Informationen werden Pflegeprobleme und Ressourcen abgeleitet. Pflegeprobleme sind Beeinträchtigungen, die ein Mensch nicht allein bewältigen kann und bei denen Pflege helfen kann. Ressourcen sind seine Fähigkeiten, Kenntnisse, Motivation und sein Umfeld — sie sind mindestens so wichtig wie die Probleme, weil die Pflege auf ihnen aufbaut.

Für die Formulierung hat sich das PES-Schema bewährt:

  • P — Problem: Was ist das Problem?
  • E — Etiologie (Ursache): Was verursacht es?
  • S — Symptome: Woran erkennt man es?

Viele Schulen arbeiten mit standardisierten Pflegediagnosen (z. B. nach NANDA-I). Dann heißt es statt „Problem" „Pflegediagnose" — das Prinzip bleibt gleich.

Bei Herrn Weber:

  • P: Flüssigkeitsüberschuss — E: unregelmäßige Einnahme des Diuretikums aufgrund von Angst vor Harndrang unterwegs — S: Gewichtszunahme 2 kg in 4 Tagen, Unterschenkelödeme, Belastungsdyspnoe.
  • Risiko: Gefahr der akuten kardialen Dekompensation.
  • Ressourcen: Herr Weber ist orientiert, versteht Zusammenhänge, möchte selbstständig bleiben, kann sich selbst wiegen, Tochter ist erreichbar.

Schritt 3: Festlegung der Pflegeziele

Pflegeziele beschreiben den angestrebten Zustand — nicht die Maßnahme. Sie werden gemeinsam mit dem Menschen vereinbart und sollten SMART sein:

  • Spezifisch — konkret und eindeutig
  • Messbar — überprüfbar
  • Akzeptiert — vom Menschen mitgetragen
  • Realistisch — erreichbar
  • Terminiert — mit Zeitpunkt der Überprüfung

Man unterscheidet Nahziele (Tage bis Wochen) und Fernziele (Wochen bis Monate). Ein häufiger Fehler in Klausuren: Ziele, die eigentlich Maßnahmen sind („Herr Weber wird täglich gewogen" ist eine Maßnahme, kein Ziel).

Bei Herrn Weber:

  • Nahziel: Herr Weber nimmt sein Diuretikum ab morgen täglich zur vereinbarten Zeit ein und dokumentiert das Gewicht jeden Morgen; innerhalb von 7 Tagen sinkt das Gewicht auf höchstens 76,5 kg.
  • Fernziel: Herr Weber kennt in 4 Wochen die Warnzeichen einer Verschlechterung und weiß, wann er Pflegedienst oder Arzt informiert.

Schritt 4: Planung der Pflegemaßnahmen

Jetzt wird festgelegt, was getan wird, um die Ziele zu erreichen — so konkret, dass jede Kollegin die Maßnahme genauso durchführen kann. Die Leitfragen: Wer? Was? Wann? Wie oft? Wie? Womit?

Maßnahmen sollten sich auf Ressourcen stützen, fachlich begründet sein (Expertenstandards, Leitlinien, Pflegewissenschaft) und mit dem Menschen abgestimmt werden. In der Planung wird auch entschieden, welche Maßnahmen an Pflegehilfskräfte delegiert werden können.

Bei Herrn Weber:

MaßnahmeWerWann
Einnahmezeit des Diuretikums mit Herrn Weber auf 7 Uhr verlegen, damit die Wirkung vor dem Spaziergang nachlässt; Rücksprache mit HausärztinPflegefachkraftheute
Morgendliches Wiegen vor dem Frühstück anleiten, Gewichtstabelle am KühlschrankPflegefachkraft, dann Herr Weber selbsttäglich
Beratung zu Herzinsuffizienz: Warnzeichen (Gewicht +2 kg in 3 Tagen, zunehmende Atemnot, Ödeme), Trinkmenge nach ärztlicher VorgabePflegefachkraft2 Termine in Woche 1
Unterschenkel bei jedem Besuch inspizieren, Umfang messenPflegefachkraft / Pflegehilfskrafttäglich
Tochter mit Einverständnis in die Gewichtskontrolle einbeziehen (Anruf am Wochenende)Pflegefachkrafteinmalig

Schritt 5: Durchführung der Maßnahmen

Die Maßnahmen werden wie geplant durchgeführt und dokumentiert — mit Handzeichen, Uhrzeit und relevanten Beobachtungen im Pflegebericht. Zur Durchführung gehört auch die ständige Beobachtung: Verändert sich etwas? Wirkt die Maßnahme? Muss sofort reagiert werden?

Das Grundprinzip der aktivierenden Pflege gilt auch hier: So viel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich — Herr Weber wiegt sich selbst, die Pflegekraft kontrolliert die Tabelle.

Bei Herrn Weber notiert die Pflegefachkraft am dritten Tag: „Gewicht 77,1 kg (−1,3 kg seit Montag), Ödeme rückläufig, Diuretikum seit Umstellung täglich eingenommen, Herr Weber berichtet, der Spaziergang am Nachmittag sei ‚wieder ohne Sorge' möglich."

Schritt 6: Evaluation

Zum vereinbarten Zeitpunkt wird überprüft: Wurde das Ziel erreicht? Ganz, teilweise, gar nicht? Die Antwort führt zurück in den Kreislauf — Ziele werden bestätigt, angepasst oder neu formuliert, Maßnahmen beibehalten oder geändert. Auch neue Informationen (Schritt 1) fließen ein.

Die Evaluation ist der Schritt, der in der Praxis am häufigsten zu kurz kommt — und in der Prüfung am häufigsten vergessen wird.

Bei Herrn Weber nach 7 Tagen: Gewicht 76,3 kg — Nahziel erreicht. Ödeme abgeklungen, Diuretikum regelmäßig eingenommen. Das Fernziel bleibt bestehen; als neue Information kommt hinzu, dass Herr Weber die Trinkmengenbegrenzung an heißen Tagen schwierig findet. Daraus entsteht ein neues Beratungsthema — der Kreislauf beginnt von vorn.

Dokumentation: Wo der Pflegeprozess sichtbar wird

Der Pflegeprozess wird in der Pflegedokumentation abgebildet — sie ist rechtlich vorgeschrieben, dient der Kommunikation im Team und ist das Beweismittel dafür, was getan wurde. Klassisch besteht sie aus Pflegeanamnese, Pflegeplanung (Probleme, Ressourcen, Ziele, Maßnahmen), Durchführungsnachweis, Pflegebericht und Evaluation.

In der stationären und ambulanten Langzeitpflege ist seit einigen Jahren das Strukturmodell („entbürokratisierte Pflegedokumentation") verbreitet. Es verdichtet den Pflegeprozess auf vier Elemente: die Strukturierte Informationssammlung (SIS) mit den Themenfeldern und der Risikomatrix, den Maßnahmenplan, das Berichteblatt und die Evaluation. Die sechs Schritte stecken auch hier drin — nur kompakter aufgeschrieben.

Typische Fehler — und wie du sie vermeidest

  • Bewertung statt Beschreibung in der Informationssammlung: Erst Fakten, dann Schlussfolgerungen.
  • Maßnahmen als Ziele formuliert: Ein Ziel beschreibt einen Zustand des Menschen, nicht eine Handlung der Pflege.
  • Ziele ohne Zeitpunkt: Ohne Termin gibt es keine Evaluation.
  • Ressourcen vergessen: Prüfende achten darauf, ob du auf den Fähigkeiten des Menschen aufbaust.
  • Maßnahmen zu allgemein: „Sturzprophylaxe durchführen" reicht nicht — welche Maßnahmen, wie oft, durch wen?
  • Evaluation weglassen: Der Kreis muss sich schließen.

Der Pflegeprozess in der Prüfung

In den drei Klausuren der Abschlussprüfung bekommst du jeweils eine Fallsituation und gestaltest den Pflegeprozess dazu — Informationen auswerten, Pflegeprobleme oder -diagnosen formulieren, Ziele setzen, Maßnahmen planen und fachlich begründen. Wer das Schema im Schlaf beherrscht, kann sich in der Prüfung auf den Inhalt konzentrieren.

In der praktischen Prüfung erstellst du im Vorbereitungsteil einen Pflegeplan für mindestens zwei Menschen, führst die Maßnahmen durch und reflektierst sie im Abschlussgespräch — der komplette Pflegeprozess an einem Tag. Details zu Ablauf und Bewertung stehen auf der Seite Abschlussprüfung.

Übungstipp: Nimm Fallbeispiele aus dem Unterricht und schreibe unter Zeitdruck (30 Minuten) eine Pflegeplanung mit allen sechs Schritten. Vergleiche danach mit Mitschüler:innen: Habt ihr dieselben Probleme erkannt? Sind die Ziele SMART? Sind die Maßnahmen konkret genug?

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lauten die 6 Schritte des Pflegeprozesses?

Nach Fiechter und Meier: (1) Informationssammlung, (2) Erkennen von Problemen und Ressourcen, (3) Festlegung der Pflegeziele, (4) Planung der Pflegemaßnahmen, (5) Durchführung der Maßnahmen, (6) Evaluation (Beurteilung der Wirkung). Die Schritte bilden einen Regelkreis.

Was ist der Unterschied zwischen dem 4-Phasen- und dem 6-Schritte-Modell?

Das 4-Phasen-Modell der WHO fasst Einschätzung, Planung, Durchführung und Evaluation zusammen. Das 6-Schritte-Modell nach Fiechter und Meier teilt Einschätzung (Informationssammlung + Probleme/Ressourcen) und Planung (Ziele + Maßnahmen) jeweils in zwei Schritte. Inhaltlich beschreiben beide dasselbe Vorgehen.

Was bedeutet das PES-Schema?

P = Problem, E = Etiologie (Ursache), S = Symptome. Mit dem Schema formulierst du ein Pflegeproblem oder eine Pflegediagnose vollständig: Was ist das Problem, wodurch wird es verursacht, woran erkennt man es? Beispiel: „Flüssigkeitsüberschuss (P) aufgrund unregelmäßiger Diuretikaeinnahme (E), erkennbar an Gewichtszunahme und Ödemen (S)."

Was sind SMART-Ziele in der Pflege?

Pflegeziele sollten spezifisch, messbar, akzeptiert (vom Menschen mitgetragen), realistisch und terminiert sein. Ein SMART-Ziel beschreibt einen überprüfbaren Zustand zu einem festen Zeitpunkt — z. B. „Herr Weber nimmt bis zum 10. des Monats täglich sein Diuretikum ein und hält sein Gewicht unter 76,5 kg."

Wer darf den Pflegeprozess planen und steuern?

Nur Pflegefachpersonen mit Berufserlaubnis — die Planung, Organisation, Steuerung und Evaluation des Pflegeprozesses gehören zu den vorbehaltenen Tätigkeiten nach § 4 PflBG. Pflegehilfskräfte führen Maßnahmen durch und wirken bei der Informationssammlung mit; Auszubildende üben den gesamten Prozess unter Anleitung.

Was ist die SIS?

Die Strukturierte Informationssammlung ist das erste Element des Strukturmodells zur entbürokratisierten Pflegedokumentation in der Langzeitpflege. Sie erfasst die Sicht des Menschen auf seine Situation, sechs Themenfelder und eine Risikomatrix — und ersetzt die klassische Pflegeanamnese. Es folgen Maßnahmenplan, Berichteblatt und Evaluation.

Quellen

  • Fiechter, V. & Meier, M. (1981): Pflegeplanung. Eine Anleitung für die Praxis. Basel: Recom.
  • PflBG § 4 (Pflegeprozessverantwortung als vorbehaltene Tätigkeit), PflAPrV Anlage 2 (Kompetenzbereich I: Pflegeprozesse und Pflegediagnostik)
  • Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation: ein-step.de