Ein Beruf hat mich gefunden

Ich bin Lena, 20 Jahre alt, und stecke mitten im zweiten Jahr meiner Pflegeausbildung. Wenn mir jemand vor drei Jahren gesagt hätte, dass ich mal Pflegefachfrau werde, hätte ich wahrscheinlich gelacht. Ich wollte eigentlich Mediengestaltung studieren. Aber dann kam alles anders — und heute bin ich froh darüber.

Wie alles begann

Es fing mit meiner Oma an. Sie hatte einen Schlaganfall, als ich 17 war. Von einem Tag auf den anderen konnte sie nicht mehr alleine aufstehen, sich nicht mehr anziehen, nicht mehr kochen. Meine Familie war überfordert. Wir wussten nicht, was wir tun sollten.

Dann kam der ambulante Pflegedienst. Und ich erinnere mich noch genau an die Pflegerin, die als Erste zu uns kam. Sie hiess Frau Yilmaz. Sie war ruhig, freundlich und unglaublich kompetent. Sie hat meiner Oma geholfen, aber sie hat auch uns geholfen — meiner Mutter, meinem Vater und mir. Sie hat uns erklärt, was passiert, was wir tun können und dass es okay ist, sich Hilfe zu holen.

In diesem Moment dachte ich zum ersten Mal: Das ist ein Beruf, der wirklich zählt.

Die Entscheidung

Nach dem Abi habe ich erstmal ein FSJ in einem Pflegeheim gemacht. Ich wollte testen, ob die Pflege wirklich etwas für mich ist — oder ob ich sie nur durch die rosarote Brille meiner Erfahrung mit Oma sehe.

Die Realität war anders als erwartet. Härter, aber auch schöner. Ich habe Bewohnerinnen und Bewohner gepflegt, die mich kaum kannten und mir trotzdem ihr Vertraün geschenkt haben. Ich habe gelernt, Betten zu beziehen, Medikamente zu stellen und mit Menschen zu sprechen, die Angst haben.

Und ich habe gelernt, dass Pflege so viel mehr ist als “Hintern abwischen” — ein Satz, den ich leider viel zu oft gehört habe und der mich heute noch ärgert.

Nach dem FSJ war klar: Ich will Pflegefachfrau werden. Nicht weil ich keinen anderen Job finden konnte, sondern weil ich diesen Job will.

Das erste Ausbildungsjahr: Staunen und Stolpern

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag auf Station. Ich war so nervös, dass ich morgens kaum frühstücken konnte. Was, wenn ich alles falsch mache? Was, wenn ein Patient stürzt und ich schuld bin? Was, wenn mich niemand mag?

Nichts davon ist passiert. Stattdessen hat mich meine Praxisanleiterin Sarah in Empfang genommen und gesagt: “Erstmal ankommen. Gucken. Fragen stellen. Niemand erwartet, dass du am ersten Tag alles kannst.”

Das hat mir den Druck genommen. Und trotzdem war das erste Jahr eine Achterbahn:

Die Höhen

Mein erster Patient, der gesagt hat: "Du machst das gut, Mädchen." Der Moment, als ich zum ersten Mal selbstständig Blutdruck gemessen habe. Die Lerngruppe mit Lisa, Tom und Ayse — zusammen gelernt, zusammen geweint, zusammen gelacht.

Die Tiefen

Die erste Nacht, in der ein Patient gestorben ist. Die Anatomie-Klausur, die ich beim ersten Mal nicht bestanden habe. Der Tag, an dem eine Angehörige mich angeschrien hat. Es tut weh — aber es gehört dazu.

Das zweite Jahr: Es wird leichter — und schwerer

Jetzt bin ich im zweiten Jahr und vieles hat sich verändert. Ich bin sicherer geworden. Ich kenne die Abläufe, ich weiß, wo die Dinge stehen, und ich traü mir mehr zu. Meine Praxisanleiterin gibt mir mehr Verantwortung — und das fühlt sich gut an.

Aber das zweite Jahr hat auch neue Herausforderungen:

Psychiatrie-Einsatz: Mein erster Einsatz in der Psychiatrie war einschüchternd. Ich hatte Vorurteile im Kopf, die sich schnell als falsch herausstellten. Die Patienten dort sind Menschen wie du und ich — nur dass sie gerade eine besonders schwere Zeit durchmachen. Dieser Einsatz hat meinen Blick auf psychische Erkrankungen komplett verändert.

Schichtarbeit: Ich hab mich daran gewöhnt, aber manchmal nervt es trotzdem. Besonders wenn meine Freundinnen am Wochenende feiern gehen und ich Spätdienst habe. Aber dann habe ich halt unter der Woche frei und gehe ins leere Kino — auch nicht schlecht.

Die Theorie wird anspruchsvoller: Pflegeplanung, Qualitätsmanagement, Recht — das ist nicht immer spannend. Aber ich verstehe jetzt, warum es wichtig ist. Gute Pflege braucht gute Planung.

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Was mich jeden Tag motiviert

Es gibt Tage, an denen alles schiefläuft. Tage, an denen ich müde bin, genervt und am liebsten im Bett bleiben würde. Aber dann passiert immer etwas, das mich daran erinnert, warum ich hier bin.

Letzte Woche hat eine Bewohnerin im Pflegeheim — Frau Becker, 87 Jahre — meine Hand genommen und gesagt: “Weisst du was, Lena? Wenn du kommst, dann wird mein Tag besser.” Das war so ein Moment. Da weißt du: Du bist am richtigen Ort.

Oder wenn ein Patient nach einer schweren OP zum ersten Mal wieder alleine aufsteht und du siehst, wie stolz er ist. Und du weißt: Daran hast du mitgewirkt.

Oder wenn dein Team nach einer stressigen Schicht zusammensteht und jemand sagt: “Hey, wir haben das gut hingekriegt heute.” Dieser Teamgeist — den gibt es in wenigen anderen Berufen so stark wie in der Pflege.

Was ich anderen sagen würde

Wenn du überlegst, ob die Pflegeausbildung etwas für dich ist, dann möchte ich dir Folgendes sagen:

Ja, es ist anstrengend. Körperlich, geistig und emotional. Du wirst Tage haben, an denen du alles in Frage stellst.

Ja, es wird schlecht geredet. “Schlecht bezahlt”, “undankbar”, “das würde ich nie machen” — solche Sätze wirst du hören. Lass dich davon nicht beirren.

Aber: Es ist einer der sinnvollsten Berufe, die es gibt. Du hilfst Menschen in den verletzlichsten Momenten ihres Lebens. Du lernst Dinge über den menschlichen Körper, die Psyche und die Gesellschaft, die dir kein anderer Beruf beibringen kann. Und du triffst Menschen — Patienten, Bewohner, Kollegen — die dein Leben bereichern.

Wenn du gerne mit Menschen arbeitest, wenn du empathisch bist und wenn du einen Beruf willst, der mehr ist als nur Geldverdienen — dann probier es aus. Mach ein Praktikum, mach ein FSJ, sprich mit Pflegekräften. Und dann entscheide.

Ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Kein einziges Mal.

Wie es weitergeht

In einem Jahr mache ich mein Examen. Dann bin ich Pflegefachfrau. Danach möchte ich erstmal auf einer Intensivstation arbeiten — das fasziniert mich seit meinem Einsatz dort im ersten Jahr. Und irgendwann vielleicht eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin, damit ich selbst Azubis begleiten kann. So wie Sarah es für mich getan hat.

Aber erstmal: zweites Jahr schaffen, Prüfungen bestehen und jeden Tag ein bisschen besser werden. Schritt für Schritt. Genau wie in der Pflege.


Dieser Erfahrungsbericht basiert auf typischen Erlebnissen aus der Pflegeausbildung. Lena ist eine fiktive Person, aber ihre Erfahrungen spiegeln die Realität vieler Pflege-Azubis wider.

Du willst auch den Schritt wagen? Informiere dich über den Bewerbungsprozess für die Pflegeausbildung.