In der Pflegeausbildung sollst du immer wieder reflektieren: im Praxiseinsatz, nach einer Anleitung, im Ausbildungsnachweis und in der praktischen Prüfung. Viele Azubis wissen am Anfang nicht genau, was damit gemeint ist. Auf dieser Seite lernst du es Schritt für Schritt, mit einem einfachen Modell, zwei ausformulierten Beispielen und Formulierungshilfen.

Gut zu wissen: Viele Pflegeschulen haben eigene Vorlagen oder bevorzugen ein bestimmtes Modell. Wenn deine Schule eine Vorlage hat, nimm diese. Die Schritte auf dieser Seite passen zu fast jeder Vorlage.

Was bedeutet Reflexion?

Reflektieren heißt: Du schaust bewusst auf eine Situation zurück und fragst dich, was passiert ist, warum es so passiert ist und was du daraus lernst. Es geht nicht darum, dich schlecht zu machen oder nur zu loben. Es geht darum, besser zu werden.

Eine gute Reflexion zeigt drei Dinge:

  • Du kannst eine Situation genau beschreiben.
  • Du kannst dein Handeln mit Fachwissen begründen.
  • Du ziehst einen konkreten Lernschritt für das nächste Mal daraus.

Das Gibbs-Modell: Reflexion in 6 Schritten

Das bekannteste Modell ist der Reflexionskreis von Graham Gibbs. Er hilft dir, nichts zu vergessen:

SchrittLeitfrage
1. BeschreibungWas ist passiert? Wer war dabei, wann, wo?
2. GefühleWas habe ich gedacht und gefühlt?
3. BewertungWas lief gut, was lief nicht gut?
4. AnalyseWarum ist es so gelaufen? Was sagt das Fachwissen dazu?
5. SchlussfolgerungWas hätte ich anders machen können?
6. PlanWas mache ich beim nächsten Mal konkret anders?

Kürzere Variante: Manche Schulen nutzen nur drei Fragen: Was? (Was ist passiert?), Na und? (Was bedeutet das?), Was jetzt? (Was mache ich als Nächstes?). Das ist gut für kurze Reflexionen im Praxisalltag.

Beispiel 1: Körperpflege bei einer Bewohnerin mit Demenz (1. Ausbildungsjahr)

1. Beschreibung: Am Dienstag habe ich im Pflegeheim zum ersten Mal allein die Körperpflege bei Frau K. (84 Jahre, Demenz) übernommen. Als ich ihr das Nachthemd ausziehen wollte, hat sie meine Hand weggeschoben und gerufen: „Lass das!“ Ich habe abgebrochen und meine Praxisanleiterin geholt.

2. Gefühle: Ich war unsicher und hatte Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Ich habe mich auch ein bisschen geschämt, weil ich Hilfe holen musste.

3. Bewertung: Gut war, dass ich abgebrochen habe und Frau K. nicht gegen ihren Willen gewaschen habe. Nicht gut war, dass ich mich vorher nicht vorgestellt und nicht erklärt habe, was ich vorhabe.

4. Analyse: Menschen mit Demenz können Situationen oft nicht einordnen. Eine fremde Person, die sie auszieht, kann Angst machen. Im Unterricht haben wir gelernt, dass eine ruhige Ansprache, Blickkontakt und kleine Schritte Sicherheit geben. Meine Praxisanleiterin hat Frau K. zuerst begrüßt, ihr den Waschlappen in die Hand gegeben und sie das Gesicht selbst waschen lassen. Danach hat Frau K. mitgemacht.

5. Schlussfolgerung: Ich hätte mir mehr Zeit für den Anfang nehmen sollen. Außerdem hätte ich in der Biografie nachlesen können, welche Gewohnheiten Frau K. bei der Körperpflege hat.

6. Plan: Beim nächsten Mal stelle ich mich vor, erkläre jeden Schritt und lasse Frau K. so viel wie möglich selbst machen. Vor dem Dienst lese ich die Biografie und den Maßnahmenplan.

Beispiel 2: Erste Begegnung mit dem Tod (2. Ausbildungsjahr)

1. Beschreibung: Im Krankenhaus ist Herr S. (79 Jahre) in meinem Frühdienst gestorben. Ich war mit einer Pflegefachkraft im Zimmer, als die Atmung aufgehört hat. Danach haben wir ihn gemeinsam versorgt, und die Ehefrau konnte sich verabschieden.

2. Gefühle: Ich war traurig und auch geschockt, weil es mein erster Todesfall war. Gleichzeitig war ich froh, dass ich nicht allein war.

3. Bewertung: Gut war, dass ich geblieben bin und bei der Versorgung geholfen habe. Schwierig fand ich das Gespräch mit der Ehefrau. Ich wusste nicht, was ich sagen soll, und habe deshalb fast nichts gesagt.

4. Analyse: Im Unterricht haben wir gelernt, dass Angehörige oft keine großen Worte brauchen. Da sein, zuhören und einfache Sätze wie „Es tut mir leid“ helfen oft mehr. Die Pflegefachkraft hat der Ehefrau einen Stuhl angeboten und ihr gesagt, dass sie sich so viel Zeit nehmen kann, wie sie braucht.

5. Schlussfolgerung: Ich muss nicht die perfekten Worte finden. Wichtig ist, dass ich mich nicht zurückziehe. Ich habe auch gemerkt, dass es mir gutgetan hat, danach mit der Pflegefachkraft über die Situation zu sprechen.

6. Plan: Ich frage meine Praxisanleitung, ob ich bei einem Angehörigengespräch dabei sein kann. Wenn mich eine Situation belastet, spreche ich sie in der Pause oder im Nachgespräch an.

Formulierungshilfen

Beschreibung:

  • „Am … habe ich im Einsatz auf … folgende Situation erlebt: …“
  • „Beteiligt waren …“

Gefühle:

  • „In der Situation habe ich mich … gefühlt, weil …“
  • „Mir ging durch den Kopf, dass …“

Bewertung:

  • „Gut gelungen ist mir …“
  • „Schwierig war für mich …“

Analyse:

  • „Im Unterricht habe ich gelernt, dass …“
  • „Laut Expertenstandard / Fachliteratur …“
  • „Der Grund dafür könnte sein, dass …“

Schlussfolgerung und Plan:

  • „Beim nächsten Mal werde ich …“
  • „Mein nächster Lernschritt ist …“
  • „Dafür brauche ich Unterstützung bei …“

Typische Fehler

  • Nur beschreiben, nicht analysieren. Die Analyse mit Fachwissen ist der wichtigste Teil.
  • Zu allgemein bleiben: „Ich will mich verbessern“ ist kein Plan. Besser: „Ich messe den Blutdruck dreimal unter Anleitung, bevor ich es allein mache.“
  • Nur Fehler aufzählen. Schreib auch, was gut lief. Das gehört zu einer ehrlichen Reflexion.
  • Andere beschuldigen: Konzentriere dich auf dein eigenes Handeln.
  • Echte Namen verwenden. Kürze Namen immer ab, wegen des Datenschutzes.

Reflexion in der Prüfung

In der praktischen Prüfung gehört ein Reflexionsgespräch dazu. Dort sprichst du mit den Prüfenden darüber, wie die Pflegesituation gelaufen ist, was du warum gemacht hast und was du anders machen würdest. Wer im Praxiseinsatz regelmäßig reflektiert hat, ist hier klar im Vorteil. Mehr zum Ablauf erfährst du unter Abschlussprüfung. Wie Nachgespräche mit deiner Praxisanleitung ablaufen, erklärt die Seite Praxisanleitung.

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lang sollte eine Reflexion sein?

Das hängt von der Vorgabe deiner Schule ab. Für den Ausbildungsnachweis reicht oft eine Seite. Wichtiger als die Länge ist, dass alle Schritte vorkommen und die Analyse mit Fachwissen begründet ist.

Schreibe ich die Reflexion in der Ich-Form?

Ja. Anders als im Pflegebericht geht es in der Reflexion um dich, deine Gedanken und dein Handeln. Deshalb schreibst du in der Ich-Form.

Darf ich auch über Gefühle schreiben?

Ja, unbedingt. Gefühle sind ein eigener Schritt im Gibbs-Modell. Sie zeigen, wie eine Situation auf dich gewirkt hat, und helfen dir zu verstehen, warum du so gehandelt hast.

Welche Situation soll ich für eine Reflexion auswählen?

Gut geeignet sind Situationen, aus denen du etwas lernen kannst: eine neue Tätigkeit, eine schwierige Begegnung, ein Fehler oder auch etwas, das besonders gut gelaufen ist. Es muss kein großes Ereignis sein.

Was ist der Unterschied zwischen Reflexion und Pflegebericht?

Der Pflegebericht beschreibt sachlich, was mit einem Menschen passiert ist, für das Team. Die Reflexion beschreibt deine eigene Sicht und deinen Lernprozess, für dich und deine Ausbildung.

Quellen

  • Gibbs G.: Learning by Doing. A Guide to Teaching and Learning Methods. Oxford 1988 (Reflexionskreis)
  • Rolfe G., Freshwater D., Jasper M.: Critical Reflection for Nursing and the Helping Professions. Basingstoke 2001 („What? So what? Now what?“)
  • Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (PflAPrV) – Reflexion als Teil der praktischen Prüfung
  • Alle Beispiele sind frei erfunden und eigene Formulierungen.
  • Stand: Oktober 2026