Vitalzeichen messen gehört zu den ersten Dingen, die du in der Pflegeausbildung lernst, und du machst es danach in fast jeder Schicht. Hier findest du alle Normwerte auf einen Blick, die wichtigsten Fachbegriffe, typische Messfehler und was du tust, wenn ein Wert auffällig ist.
Wichtig: Normwerte sind Richtwerte. Entscheidend ist immer der Mensch vor dir: sein Ausgangswert, seine Erkrankungen, seine Medikamente und wie er sich fühlt. Ein Wert ist erst im Zusammenhang aussagekräftig. Die Angaben unterscheiden sich je nach Lehrbuch leicht – maßgeblich sind die Vorgaben deiner Pflegeschule und die Verfahrensregeln deiner Einrichtung.
Normwerte für Erwachsene im Überblick
| Vitalzeichen | Normbereich (Erwachsene in Ruhe) | Zu niedrig | Zu hoch |
|---|---|---|---|
| Puls | 60–100 Schläge/min | Bradykardie: unter 60/min | Tachykardie: über 100/min |
| Blutdruck | unter 140/90 mmHg, optimal unter 120/80 mmHg | Hypotonie: systolisch unter 100 mmHg | Hypertonie: ab 140/90 mmHg |
| Atemfrequenz | 12–20 Atemzüge/min | Bradypnoe: unter 12/min | Tachypnoe: über 20/min |
| Körpertemperatur | ca. 36,3–37,4 °C | Hypothermie: unter 35 °C | subfebril 37,5–38,0 °C, Fieber über 38 °C |
| Sauerstoffsättigung (SpO₂) | 95–100 % | unter 92 % gilt in der Regel als behandlungsbedürftig | – |
| Blutzucker (nüchtern) | 70–99 mg/dl (3,9–5,5 mmol/l) | Hypoglykämie: unter 70 mg/dl | Diabetes: ab 126 mg/dl nüchtern |
| Bewusstsein | wach, orientiert (GCS 15) | Bewusstseinsstörung | – |
Puls
Der Puls ist die Druckwelle, die das Herz bei jedem Schlag durch die Arterien schickt. Du beurteilst drei Dinge:
- Frequenz: Schläge pro Minute. Normal 60–100/min. Bei Sportlern ist ein Ruhepuls um 50 normal.
- Rhythmus: regelmäßig oder unregelmäßig (Arrhythmie). Ein unregelmäßiger Puls kann auf Vorhofflimmern hinweisen.
- Qualität: kräftig, schwach, „fadenförmig“ (schwach und schnell, z. B. bei Schock) oder hart (z. B. bei Bluthochdruck).
So misst du: Meist an der A. radialis (Daumenseite des Handgelenks) mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger, nicht mit dem Daumen – der hat einen eigenen Puls. 30 Sekunden zählen und verdoppeln; bei unregelmäßigem Puls eine volle Minute zählen.
Pulsdefizit: Hörst du am Herzen (mit dem Stethoskop) mehr Schläge, als du am Handgelenk tastest, besteht ein Pulsdefizit – typisch bei Vorhofflimmern. Das gehört in die Dokumentation und an den Arzt.
Blutdruck
Der Blutdruck wird als systolischer Wert (Druck, wenn sich das Herz zusammenzieht) und diastolischer Wert (Druck in der Erschlaffungsphase) in mmHg angegeben.
| Kategorie | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) |
|---|---|---|
| Optimal | unter 120 | unter 80 |
| Normal | 120–129 | 80–84 |
| Hoch-normal | 130–139 | 85–89 |
| Hypertonie Grad 1 | 140–159 | 90–99 |
| Hypertonie Grad 2 | 160–179 | 100–109 |
| Hypertonie Grad 3 | ab 180 | ab 110 |
Einteilung nach der Leitlinie der European Society of Hypertension (ESH) 2023. Die European Society of Cardiology (ESC) hat 2024 eine vereinfachte Einteilung veröffentlicht („nicht erhöht“ unter 120/70, „erhöht“ 120–139/70–89, Hypertonie ab 140/90). Die Grenze für Bluthochdruck liegt in beiden bei 140/90 mmHg.
Typische Messfehler:
- Manschette zu klein → Wert zu hoch; Manschette zu groß → Wert zu niedrig. Die Manschettenbreite muss zum Oberarmumfang passen.
- Arm hängt herunter oder liegt deutlich über Herzhöhe → falsche Werte. Die Manschette gehört auf Herzhöhe.
- Keine Ruhephase: Vor der Messung sollte der Mensch einige Minuten sitzen oder liegen, ohne zu sprechen.
- Messung über dicker Kleidung oder am Arm mit Shunt, Lymphödem, Infusion oder nach Brust-OP mit Lymphknotenentfernung – dort nie messen.
Atmung
Du beobachtest Frequenz, Tiefe, Rhythmus, Geräusche und Geruch. Zähl die Atmung möglichst unauffällig, zum Beispiel während du scheinbar noch den Puls tastest – wer weiß, dass seine Atmung gezählt wird, atmet anders.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Eupnoe | normale, ruhige Atmung |
| Tachypnoe / Bradypnoe | zu schnelle / zu langsame Atmung |
| Dyspnoe | Atemnot (subjektives Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen) |
| Orthopnoe | schwerste Atemnot, nur im Sitzen mit Einsatz der Atemhilfsmuskulatur erträglich |
| Apnoe | Atemstillstand |
| Kussmaul-Atmung | tiefe, regelmäßige Atmung, z. B. bei diabetischer Ketoazidose (Azetongeruch) |
| Cheyne-Stokes-Atmung | Atemzüge werden an- und abschwellend tiefer und flacher, dazwischen Pausen; z. B. bei schwerer Herzinsuffizienz oder in der Sterbephase |
| Schnappatmung | einzelne schnappende Atemzüge – Zeichen des Kreislaufstillstands: Notfall |
Körpertemperatur
| Bereich | Temperatur |
|---|---|
| Untertemperatur (Hypothermie) | unter 35,0 °C |
| Normaltemperatur | ca. 36,3–37,4 °C |
| Subfebril (erhöht) | 37,5–38,0 °C |
| Fieber | 38,1–39,0 °C |
| Hohes Fieber | über 39,0 °C |
| Hyperpyrexie | über 40,0 °C |
Die Grenzwerte unterscheiden sich je nach Lehrbuch um wenige Zehntelgrad.
Messorte: Rektal misst am genauesten (nahe der Kerntemperatur). Im Ohr (tympanal) und unter der Zunge (oral) liegen die Werte etwas darunter, unter der Achsel (axillar) noch einmal niedriger – axillar ist am ungenauesten. Dokumentiere immer den Messort mit, sonst sind Verläufe nicht vergleichbar.
Bei älteren Menschen kann Fieber trotz schwerer Infektion fehlen oder niedrig ausfallen. Achte deshalb auch auf Verwirrtheit, Schwäche oder Appetitlosigkeit.
Sauerstoffsättigung (SpO₂)
Das Pulsoxymeter misst am Finger oder Ohrläppchen, wie viel Prozent des Hämoglobins Sauerstoff tragen. Normal sind 95–100 %.
- Zielbereich bei Sauerstoffgabe: Nach der S3-Leitlinie „Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen“ meist 92–96 %.
- Bei COPD mit Gefahr einer CO₂-Retention: Zielbereich 88–92 %. Zu viel Sauerstoff kann hier schaden. Sauerstoff ist ein Medikament und wird ärztlich angeordnet.
Messfehler: kalte Finger, Nagellack oder künstliche Nägel, Bewegung, starkes Umgebungslicht, schlechte Durchblutung (Schock, Zentralisation). Bei Kohlenmonoxidvergiftung zeigt das Gerät falsch normale Werte.
Blutzucker
| Situation | mg/dl | mmol/l |
|---|---|---|
| Nüchtern normal | 70–99 | 3,9–5,5 |
| Nüchtern gestörte Glukose | 100–125 | 5,6–6,9 |
| Diabetes (nüchtern) | ab 126 | ab 7,0 |
| Hypoglykämie | unter 70 | unter 3,9 |
Umrechnung: mg/dl ÷ 18 = mmol/l (gerundet). Diabetes wird nicht durch eine einzelne Messung am Krankenbett diagnostiziert – dafür gibt es Laborwerte wie HbA1c und Nüchternglukose.
Hypoglykämie erkennen: Zittern, Schwitzen, Heißhunger, Unruhe, Verwirrtheit bis Bewusstlosigkeit. Bei Bewusstsein: schnell wirksame Kohlenhydrate (z. B. Traubenzucker, Saft) nach Verfahrensregel; bei Bewusstlosigkeit nichts in den Mund geben, Notruf bzw. Arzt.
Bewusstsein
Das Bewusstsein gehört ebenfalls zu den Vitalfunktionen. Stufen der quantitativen Bewusstseinsstörung:
- Somnolenz: schläfrig, aber leicht weckbar
- Sopor: nur durch starke Reize (z. B. Schmerz) kurz weckbar
- Koma: nicht weckbar
Zur Einschätzung nutzen viele Einrichtungen die Glasgow Coma Scale (GCS) mit 3 bis 15 Punkten (Augen öffnen, verbale Reaktion, motorische Reaktion). 15 Punkte bedeuten volles Bewusstsein; bei 8 Punkten oder weniger sind die Schutzreflexe meist gefährdet. Daneben gibt es die Orientierung zu Zeit, Ort, Situation und Person.
Normwerte bei Kindern
| Alter | Puls (/min) | Atemfrequenz (/min) |
|---|---|---|
| Neugeborene | ca. 120–160 | ca. 40–60 |
| Säuglinge (bis 1 Jahr) | ca. 100–150 | ca. 30–40 |
| Kleinkinder (1–5 Jahre) | ca. 90–130 | ca. 20–30 |
| Schulkinder (6–12 Jahre) | ca. 70–110 | ca. 18–25 |
| Jugendliche | ca. 60–100 | ca. 12–20 |
Richtwerte in Ruhe; je nach Quelle unterscheiden sich die Bereiche. Je jünger das Kind, desto höher Puls und Atemfrequenz und desto niedriger der Blutdruck. Für den Blutdruck bei Kindern gibt es alters-, geschlechts- und größenabhängige Perzentilentabellen. Im pädiatrischen Einsatz bekommst du die Vorgaben deiner Station.
Auffälliger Wert – was tun?
- Kontrollieren: Noch einmal messen, Messfehler ausschließen (Manschette, Sensor, Messort).
- Den Menschen ansehen: Wie wirkt er? Blass, schwitzig, unruhig, verwirrt? Hat er Schmerzen oder Atemnot?
- Mit dem Ausgangswert vergleichen: Ist der Wert neu oder für diesen Menschen normal?
- Informieren: Bei relevanten Abweichungen sofort die Pflegefachkraft bzw. den Arzt informieren. Viele Kliniken nutzen dafür Frühwarnscores wie den NEWS2, der mehrere Vitalzeichen zu einem Punktwert zusammenfasst und festlegt, ab wann der Arzt gerufen wird.
- Dokumentieren: Wert, Uhrzeit, Messort, Beobachtungen, wen du informiert hast und was veranlasst wurde.
🩺 Zum Üben und Nachschlagen: Blutdruck messen und Puls tasten lernst du am schnellsten durch Wiederholung – an Familie, Freunden und dir selbst. Viele Azubis legen sich dafür eine kleine Grundausstattung zu (auf Station stellt der Arbeitgeber die Geräte):
- Manuelles Blutdruckmessgerät mit Stethoskop* – so wie in der praktischen Prüfung, ab ca. 20 €
- Eigenes Stethoskop* – hygienischer und angenehmer als das Stationsgerät
- Pulsoxymeter* – um SpO₂ und Puls zu vergleichen, ab ca. 15 €
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Vitalzeichen in der Prüfung
- Normwerte auswendig können: Puls, Blutdruck, Atmung, Temperatur, SpO₂ und Blutzucker werden im Examen als bekannt vorausgesetzt.
- Werte deuten statt nur nennen: In Fallsituationen wird erwartet, dass du Abweichungen erkennst und Zusammenhänge herstellst – z. B. niedriger Blutdruck plus schneller Puls als Hinweis auf einen Volumenmangel oder Schock.
- Praktische Prüfung: Achte auf Händehygiene, Information des Patienten, richtige Manschettengröße, Herzhöhe, Dokumentation und Weitergabe auffälliger Werte. Mehr zur Prüfung unter Abschlussprüfung.
- Mit Prophylaxen verbinden: Atemfrequenz und SpO₂ gehören zur Pneumonieprophylaxe, Temperatur und Puls zur Thrombose- und Infektionsbeobachtung, siehe Prophylaxen.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Vitalzeichen gibt es?
Zu den klassischen Vitalzeichen zählen Puls, Blutdruck, Atmung und Körpertemperatur. In der Praxis werden fast immer auch Sauerstoffsättigung und Bewusstsein beurteilt, oft dazu Blutzucker und Schmerz. Schmerz wird deshalb manchmal als „fünftes Vitalzeichen“ bezeichnet.
Warum zählt man den Puls nicht mit dem Daumen?
Im Daumen spürst du deinen eigenen Puls deutlich. Dann kannst du ihn mit dem Puls des Patienten verwechseln. Nimm deshalb Zeige-, Mittel- und Ringfinger.
Wie oft werden Vitalzeichen gemessen?
Das hängt vom Zustand des Menschen und von der Anordnung ab. Auf einer Normalstation ist ein- bis dreimal täglich üblich, nach Operationen, bei instabilen Patienten oder auf der Intensivstation deutlich häufiger bis kontinuierlich. In der Langzeitpflege wird oft nur bei Bedarf oder nach festem Plan gemessen.
Was ist der Schockindex?
Der Schockindex ist der Puls geteilt durch den systolischen Blutdruck. Normal ist ein Wert um 0,5. Ab etwa 1 – wenn also der Puls höher ist als der systolische Blutdruck – besteht Schockverdacht. Der Wert ersetzt nicht die klinische Einschätzung, ist aber eine gute Merkhilfe.
Quellen
- Mancia G. et al.: 2023 ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. Journal of Hypertension 2023
- McEvoy J. W. et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal 2024
- AWMF S3-Leitlinie „Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen“ (Register-Nr. 020-021)
- Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes und Deutsche Diabetes Gesellschaft: Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes mellitus
- Royal College of Physicians: National Early Warning Score (NEWS) 2, 2017
- Stand: Oktober 2026