Medikamente richten und verabreichen gehört zu den Aufgaben, bei denen Fehler schnell gefährlich werden. Darum gibt es eine einfache Regel, die du in jeder Pflegeschule lernst: die 6-R-Regel. Auf dieser Seite erfährst du, was hinter den sechs R steckt, wie das Richten Schritt für Schritt abläuft und welche Abkürzungen du kennen musst.
Gut zu wissen: Medikamente gibst du in der Ausbildung nur unter Anleitung und nach den Regeln deiner Einrichtung. Jede Station hat eigene Abläufe, zum Beispiel ein Vier-Augen-Prinzip oder eigene Dispenser. Frag deine Praxisanleitung, wie es bei euch läuft. Diese Seite ersetzt keine Anleitung in der Praxis.
Die 6-R-Regel
Vor jeder Gabe prüfst du sechs Dinge:
| R | Was du prüfst | So geht's |
|---|---|---|
| 1. Richtiger Patient | Bekommt wirklich dieser Mensch das Medikament? | Name und Geburtsdatum mit der Anordnung vergleichen, Patientenarmband prüfen, ansprechen lassen |
| 2. Richtiges Arzneimittel | Ist es genau das angeordnete Medikament? | Name auf der Packung mit der Anordnung vergleichen. Vorsicht bei ähnlichen Namen und Nachfolgepräparaten |
| 3. Richtige Dosierung | Stimmt die Menge? | Wirkstärke (z. B. 5 mg oder 10 mg) und Anzahl prüfen, Bruchteile nur, wenn die Tablette teilbar ist |
| 4. Richtige Applikationsart | Wie kommt das Medikament in den Körper? | z. B. schlucken, unter die Zunge, unter die Haut, in die Vene, auf die Haut |
| 5. Richtiger Zeitpunkt | Wann soll es gegeben werden? | Uhrzeit, vor oder nach dem Essen, nüchtern, Abstand zu anderen Medikamenten |
| 6. Richtige Dokumentation | Ist die Gabe festgehalten? | Direkt nach der Gabe abzeichnen, nie vorher. Nicht gegebene Medikamente mit Grund dokumentieren |
Merksatz: Patient, Präparat, Dosis, Weg, Zeit, Doku. Manche Einrichtungen arbeiten mit erweiterten Regeln (8-R oder 10-R). Dazu kommen dann zum Beispiel die richtige Aufbewahrung, das richtige Verfallsdatum oder die richtige Beobachtung nach der Gabe. Lern die Version, die deine Schule verwendet.
Medikamente richten: Schritt für Schritt
- Ruhe schaffen: Richte Medikamente möglichst ohne Unterbrechung. Viele Stationen haben dafür eine feste Zeit oder ein Schild „Bitte nicht stören“.
- Hände desinfizieren und eine saubere Arbeitsfläche vorbereiten.
- Aktuelle Anordnung nehmen: Richte nur nach der gültigen Anordnung oder dem aktuellen Medikationsplan, nie aus dem Gedächtnis.
- Für jeden Menschen einzeln richten: Ein Dispenser oder Becher pro Person, beschriftet mit Name und Zimmer.
- Dreimal prüfen: beim Herausnehmen aus dem Schrank, beim Einfüllen und beim Zurückstellen der Packung.
- Haltbarkeit prüfen: Verfallsdatum, Anbruchdatum bei Tropfen und Säften, Aussehen.
- Kontrolle durch eine zweite Person, wenn eure Einrichtung das vorsieht (Vier-Augen-Prinzip).
Bei Unklarheiten gilt immer: Nicht raten, nachfragen. Lieber eine Frage zu viel an die Pflegefachkraft als ein falsches Medikament.
Medikamente verabreichen
- Identität prüfen: Sprich den Menschen mit Namen an und vergleiche mit dem Dispenser.
- Erklären: Sag kurz, was du gibst, zum Beispiel: „Das ist Ihre Tablette für den Blutdruck.“
- Einnahme begleiten: Bleib dabei, bis die Tabletten geschluckt sind. Lass Tabletten nicht einfach auf dem Nachttisch stehen.
- Genug Flüssigkeit: Tabletten mit einem Glas Wasser einnehmen lassen, aufrecht sitzend.
- Schluckprobleme melden: Teile oder zerkleinere Tabletten nur nach Rücksprache. Manche dürfen nicht geteilt oder gemörsert werden, zum Beispiel Retard-Tabletten oder magensaftresistente Tabletten.
- Beobachten: Achte nach der Gabe auf Wirkung und Nebenwirkungen, zum Beispiel Schwindel nach einem Blutdruckmittel.
- Dokumentieren: Erst nach der Gabe abzeichnen. Wenn ein Mensch ein Medikament ablehnt, dokumentierst du das und informierst die Pflegefachkraft.
Wichtige Abkürzungen
| Abkürzung | Bedeutung |
|---|---|
| p. o. | per os, über den Mund (schlucken) |
| s. l. | sublingual, unter die Zunge |
| s. c. | subkutan, unter die Haut |
| i. m. | intramuskulär, in den Muskel |
| i. v. | intravenös, in die Vene |
| Tbl. | Tablette |
| Kps. | Kapsel |
| Trpf. | Tropfen |
| b. B. | bei Bedarf |
| 1-0-1 | morgens 1, mittags 0, abends 1 |
| 1-1-1-1 | morgens, mittags, abends, nachts je 1 |
| ret. | retardiert, Wirkstoff wird langsam freigesetzt |
Achtung bei „b. B.“: Bedarfsmedikamente brauchen eine Anordnung mit Anlass, Einzeldosis und Höchstmenge pro Tag, zum Beispiel: „bei Schmerzen ab NRS 4, 500 mg, höchstens 4-mal täglich“. Prüfe vor jeder Gabe, wann zuletzt etwas gegeben wurde.
Einnahmezeitpunkte
| Angabe | Bedeutung |
|---|---|
| nüchtern | mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück, zum Beispiel bei manchen Schilddrüsenmedikamenten |
| vor dem Essen | etwa 30 Minuten vor der Mahlzeit |
| zum Essen | während der Mahlzeit |
| nach dem Essen | direkt nach der Mahlzeit, oft um den Magen zu schonen |
Die genauen Hinweise stehen in der Anordnung oder im Beipackzettel. Wenn etwas unklar ist, frag nach.
Typische Fehler und wie du sie vermeidest
- Ähnliche Namen verwechseln: Viele Medikamente klingen ähnlich. Lies den Namen immer vollständig und vergleiche ihn mit der Anordnung.
- Wirkstärke übersehen: Dasselbe Medikament gibt es oft in mehreren Stärken. Prüfe die Milligramm-Angabe, nicht nur den Namen.
- Unterbrechung beim Richten: Wer unterbrochen wird, verliert leicht den Überblick. Fang im Zweifel für diesen Menschen neu an.
- Vorher abzeichnen: Wird ein Medikament dann doch nicht gegeben, stimmt die Dokumentation nicht mehr.
- Dispenser vertauschen: Prüfe Name und Zimmer an jedem Dispenser vor der Gabe.
Wenn doch ein Fehler passiert: Sag es sofort der verantwortlichen Pflegefachkraft. Je schneller reagiert wird, desto eher lassen sich Folgen verhindern. Fehler offen anzusprechen, gehört zu einer guten Sicherheitskultur. Viele Einrichtungen haben dafür ein Meldesystem, aus dem das ganze Team lernt.
Die 6-R-Regel in der Prüfung
Die 6-R-Regel ist eine typische Prüfungsfrage, schriftlich und mündlich. In der praktischen Prüfung gehört das Richten oder Verabreichen von Medikamenten oft zur Pflegesituation. Die Prüfenden achten darauf, dass du jedes R sichtbar prüfst und laut begründest. Mehr Fragen mit Antworten findest du bei unseren Prüfungsfragen fürs Pflegeexamen.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was sind die 6 R in der Pflege?
Richtiger Patient, richtiges Arzneimittel, richtige Dosierung, richtige Applikationsart, richtiger Zeitpunkt und richtige Dokumentation. Vor jeder Medikamentengabe prüfst du alle sechs Punkte.
Was ist der Unterschied zwischen der 5-R-, 6-R- und 10-R-Regel?
Die ältere 5-R-Regel hat die Dokumentation noch nicht als eigenen Punkt. Die 6-R-Regel ist heute in den meisten Schulen Standard. Erweiterte Regeln wie 8-R oder 10-R ergänzen weitere Punkte, zum Beispiel richtige Aufbewahrung oder Beobachtung nach der Gabe.
Darf ich als Azubi Medikamente geben?
In der Ausbildung lernst du das Richten und Verabreichen Schritt für Schritt unter Anleitung. Was du wann selbst übernehmen darfst, legt deine Einrichtung fest. Frag deine Praxisanleitung, welche Regeln bei euch gelten.
Was mache ich, wenn ein Mensch seine Tabletten nicht nehmen will?
Frag nach dem Grund, zum Beispiel Schluckprobleme, Übelkeit oder Angst vor Nebenwirkungen. Zwing niemanden. Dokumentiere die Ablehnung und informiere die verantwortliche Pflegefachkraft.
Darf ich Tabletten mörsern?
Nur nach Rücksprache. Manche Tabletten verlieren dadurch ihre Wirkung oder wirken plötzlich zu stark, zum Beispiel Retard-Tabletten. Ob ein Medikament geteilt oder zerkleinert werden darf, klärt die Pflegefachkraft mit der Ärztin, dem Arzt oder der Apotheke.
Quellen
- Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V.: Handlungsempfehlungen – Arzneimitteltherapiesicherheit und Fehlervermeidung
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) – Arzneimitteltherapiesicherheit
- Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 PflBG – Mitwirkung bei der medizinischen Diagnostik und Therapie
- Alle Beispiele sind allgemein gehalten. Maßgeblich sind immer die Anordnung und die Regeln deiner Einrichtung.
- Stand: Oktober 2026