Eine Pflegediagnose beschreibt, wie ein Mensch auf eine Erkrankung oder Lebenssituation reagiert und wobei er pflegerische Unterstützung braucht. Sie ist der zweite Schritt im Pflegeprozess und die Grundlage für Ziele und Maßnahmen. Pflegediagnosen zu stellen ist Kern der vorbehaltenen Tätigkeiten von Pflegefachkräften: Die Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs darf nur eine Pflegefachperson verantworten.

Pflegediagnose oder medizinische Diagnose?

Medizinische DiagnosePflegediagnose
Beschreibtdie Krankheitdie Reaktion des Menschen darauf und seinen Unterstützungsbedarf
BeispielSchlaganfall mit Halbseitenlähmung linksKann sich nicht selbstständig waschen und ankleiden, bedingt durch die Lähmung
Gestellt vonÄrztin oder ArztPflegefachperson
Ändert sichmeist seltenoft täglich, je nach Fortschritt

Zwei Menschen mit derselben medizinischen Diagnose können ganz unterschiedliche Pflegediagnosen haben. Der eine kommt nach dem Schlaganfall gut allein zurecht, der andere braucht Hilfe beim Essen und hat Angst vor der Entlassung.

Die Arten von Pflegediagnosen

  1. Aktuelle Pflegediagnose: Das Problem besteht jetzt und ist an Symptomen erkennbar. Aufbau: Problem, Einflussfaktor, Symptom (PES).
  2. Risiko-Pflegediagnose: Das Problem ist noch nicht da, droht aber wegen bestimmter Risikofaktoren, z. B. Dekubitus- oder Sturzgefahr. Hier gibt es keine Symptome, nur Risikofaktoren. Das ist der Platz für die Prophylaxen.
  3. Gesundheitsförderliche Pflegediagnose: Der Mensch möchte etwas an seiner Gesundheit verbessern und ist bereit dazu, z. B. sich gesünder ernähren oder den Blutzucker selbst messen lernen.
  4. Syndrom-Pflegediagnose: fasst mehrere Pflegediagnosen zusammen, die gemeinsam auftreten, z. B. bei einem Menschen, der lange immobil ist.

Aufbau: das PES-Format

TeilBedeutungFormulierung
P – ProblemTitel der Pflegediagnose„Beeinträchtigte …“, „Gefahr einer …“, „Bereitschaft für …“
E – Einflussfaktor (Ätiologie)Ursachen, beeinflussende Faktoren„bedingt durch …“, „aufgrund von …“
S – Symptombeobachtbare Merkmale, Aussagen des Menschen„erkennbar an …“, „äußert …“

Viele Schulen ergänzen die Ressourcen (PESR). Die Formulierung von Zielen und Maßnahmen mit vielen Beispielen findest du unter Pflegeplanung schreiben.

12 Beispiele für Pflegediagnosen

Die Beispiele sind eigene Formulierungen. Wie die Titel in deiner Schule lauten, hängt davon ab, ob ihr frei formuliert oder mit einer Klassifikation wie NANDA-I oder ENP arbeitet.

Aktuelle Pflegediagnosen

PflegediagnoseEinflussfaktorSymptom
Akuter SchmerzOperationswunde am BauchNRS 7, Schonatmung, verzieht das Gesicht bei Bewegung
Eingeschränkte MobilitätHüft-OP, Angst vor Sturzgeht nur mit Unterstützung, kleine unsichere Schritte
Selbstversorgungsdefizit KörperpflegeHalbseitenlähmung linkserreicht Rücken und Beine nicht
MangelernährungAppetitlosigkeit, Kauprobleme4 kg Gewichtsverlust in drei Monaten, isst halbe Portionen
Flüssigkeitsdefizitfehlendes Durstgefühltrinkt ca. 800 ml/Tag, trockene Schleimhäute, dunkler Urin
Akute VerwirrtheitInfekt, Exsikkoseplötzlich desorientiert, nachts unruhig, Aufmerksamkeit schwankt
Angstbevorstehende OperationUnruhe, Schlafstörung, äußert „Ich habe Angst, nicht mehr aufzuwachen“
Funktionelle Harninkontinenzerreicht die Toilette nicht rechtzeitignasse Vorlagen, vor allem vormittags

Risiko-Pflegediagnosen

PflegediagnoseRisikofaktoren
DekubitusgefahrImmobilität, Inkontinenz, Mangelernährung
SturzgefahrGangunsicherheit, Schlafmittel, nächtlicher Harndrang
AspirationsgefahrSchluckstörung nach Schlaganfall, Müdigkeit beim Essen

Gesundheitsförderliche Pflegediagnose

PflegediagnoseZeichen der Bereitschaft
Bereitschaft für ein verbessertes Diabetes-Selbstmanagementmöchte den Blutzucker selbst messen und das Insulin selbst spritzen lernen, stellt gezielte Fragen

NANDA-I, ENP oder freie Formulierung?

  • NANDA International (NANDA-I): die international verbreitetste Klassifikation. Jede Pflegediagnose hat einen Titel, eine Definition, bestimmende Merkmale und beeinflussende Faktoren. Viele Lehrbücher und Kliniken arbeiten damit. Die Klassifikation erscheint als Buch und wird regelmäßig überarbeitet.
  • ENP (European Nursing care Pathways): eine im deutschsprachigen Raum entwickelte Pflegeklassifikation. Sie verbindet Pflegediagnosen direkt mit Zielen und Maßnahmen und ist in vielen elektronischen Dokumentationssystemen hinterlegt.
  • Freie Formulierung nach PES: In der Ausbildung und in vielen Einrichtungen werden Pflegeprobleme frei formuliert. Für die Prüfung ist entscheidend, dass Problem, Ursache und Symptome nachvollziehbar sind.

Welche Variante in Unterricht und Prüfung erwartet wird, legt deine Pflegeschule fest. Frag im Zweifel nach.

📖 Lerntipp: Wenn deine Schule mit NANDA-I arbeitet, lohnt sich ein Blick in das Original. Für die Fallbearbeitung reicht es aber, die häufigsten Diagnosen sicher formulieren zu können.

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Typische Fehler

  • Medizinische Diagnose statt Pflegediagnose: „Herzinsuffizienz“ ist keine Pflegediagnose. Pflegerisch relevant ist z. B. „Belastungsintoleranz, bedingt durch Herzinsuffizienz, erkennbar an Atemnot beim Gehen über 10 m“.
  • Ursache, die Pflege nicht beeinflussen kann, ohne pflegerischen Ansatz: Benenne die Faktoren, an denen die Pflege ansetzen kann, z. B. Angst, fehlendes Wissen, Schmerz.
  • Symptome fehlen: Ohne Symptome ist eine aktuelle Diagnose nicht belegt.
  • Risikodiagnose mit Symptomen: Wenn schon Symptome da sind, ist das Problem aktuell und keine Gefahr mehr.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Dürfen Auszubildende Pflegediagnosen stellen?

In der Ausbildung lernst du, Pflegediagnosen zu formulieren, und schlägst sie in der Praxis vor. Die Verantwortung für die Feststellung des Pflegebedarfs trägt nach § 4 PflBG eine Pflegefachperson. Deine Praxisanleitung bespricht deine Vorschläge mit dir.

Wie viele Pflegediagnosen braucht man in der Prüfung?

So viele, wie in der Aufgabe verlangt sind, oft drei bis fünf. Wichtig ist, die relevantesten auszuwählen und die Reihenfolge zu begründen: Lebensbedrohliches vor Risiken, Akutes vor Chronischem, und was der Mensch selbst als wichtig empfindet.

Ist eine Pflegediagnose dasselbe wie ein Pflegeproblem?

Im Alltag werden die Begriffe oft gleich verwendet. Genau genommen ist die Pflegediagnose eine standardisierte, fachlich begründete Aussage, häufig nach einer Klassifikation. „Pflegeproblem“ ist der ältere, freiere Begriff. Das Prinzip mit Problem, Ursache und Symptomen ist dasselbe.

Quellen

  • § 4 Pflegeberufegesetz – Vorbehaltene Tätigkeiten
  • Gordon M.: Pflegediagnosen – Theoretische Grundlagen. München 2001 (PES-Format)
  • NANDA International: Pflegediagnosen. Definitionen und Klassifikation (deutsche Ausgabe, regelmäßig aktualisiert) – Konzept und Arten der Pflegediagnosen; es wurden keine Titel-Definitionen übernommen
  • Wieteck P. (Hrsg.): ENP – European Nursing care Pathways. RECOM (Konzept der Klassifikation)
  • Alle Beispiele sind eigene Formulierungen.
  • Stand: Oktober 2026