„Erklären Sie das Pflegemodell nach Krohwinkel" – solche Aufgaben gehören in vielen Pflegeschulen zum Standard. Pflegemodelle und Pflegetheorien beschreiben, was Pflege ist, worauf sie zielt und wie Pflegende den Menschen betrachten sollen. Im Alltag begegnen sie dir vor allem in der Struktur der Pflegeplanung und Dokumentation. Hier sind die wichtigsten Modelle einfach erklärt.

Was ist der Unterschied zwischen Pflegetheorie und Pflegemodell?

  • Eine Pflegetheorie erklärt grundsätzlich, was Pflege ist und welche Zusammenhänge es zwischen Mensch, Gesundheit, Umwelt und Pflege gibt.
  • Ein Pflegemodell ist konkreter und praxisnäher: Es gibt eine Struktur vor, nach der Pflegende Bedarf einschätzen, planen und dokumentieren.

Im Unterricht werden beide Begriffe oft gleichbedeutend verwendet. Viele Modelle lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Bedürfnismodelle (Henderson, Roper/Logan/Tierney, Juchli, Krohwinkel), Interaktionsmodelle (Peplau) und Ergebnis- bzw. Selbstpflegemodelle (Orem).

📖 Lerntipp: Die Pflegemodelle stehen ausführlich mit Grafiken in den Standardlehrbüchern – meist im Kapitel zu Pflegewissenschaft und Pflegeprozess:

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Die wichtigsten Pflegemodelle im Überblick

ModellKernideeMerkwort
Virginia Henderson14 Grundbedürfnisse; Pflege unterstützt, bis der Mensch wieder unabhängig ist14 Grundbedürfnisse
Hildegard PeplauPflege ist eine zwischenmenschliche Beziehung in vier PhasenBeziehung
Dorothea OremMenschen sorgen für sich selbst; Pflege gleicht Selbstpflegedefizite ausSelbstpflege
Roper, Logan & Tierney12 Lebensaktivitäten (LA) zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit12 LA
Liliane Juchli12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL)12 ATL
Monika KrohwinkelFördernde Prozesspflege, 13 AEDL, später ABEDLFördern
Madeleine LeiningerKultursensible Pflege („Sunrise-Modell")Kultur

Virginia Henderson: 14 Grundbedürfnisse

Henderson definierte die Aufgabe der Pflege so: dem gesunden oder kranken Menschen bei Aktivitäten zu helfen, die er ohne Unterstützung selbst ausführen würde, wenn er die nötige Kraft, den Willen oder das Wissen hätte – und zwar so, dass er möglichst schnell wieder unabhängig wird. Sie beschrieb dazu 14 Grundbedürfnisse, z. B. normal atmen, ausreichend essen und trinken, sich bewegen, schlafen, sich kleiden, die Körpertemperatur halten, kommunizieren und lernen. Ihr Ansatz ist die Grundlage vieler späterer Bedürfnismodelle.

Hildegard Peplau: Pflege als Beziehung

Peplau stellt die Beziehung zwischen Pflegeperson und Patient in den Mittelpunkt. Diese Beziehung durchläuft vier Phasen:

  1. Orientierung: Kennenlernen, Problem erkennen, Vertrauen aufbauen
  2. Identifikation: Der Patient erkennt, wer ihm helfen kann
  3. Nutzung: Der Patient nutzt die angebotene Unterstützung aktiv
  4. Ablösung: Der Patient wird unabhängig, die Beziehung wird beendet

Peplau ist besonders in der psychiatrischen Pflege und im Bereich Kommunikation (Kompetenzbereich II) wichtig.

Dorothea Orem: Selbstpflegedefizit-Theorie

Orem geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich für sich selbst sorgen wollen und können (Selbstpflege). Pflege wird nötig, wenn der Selbstpflegebedarf größer ist als die eigenen Fähigkeiten – es entsteht ein Selbstpflegedefizit. Je nach Ausmaß unterscheidet Orem drei Pflegesysteme:

  • vollständig kompensatorisch: Die Pflege übernimmt (z. B. bei Bewusstlosigkeit)
  • teilweise kompensatorisch: Pflege und Patient teilen sich die Aufgaben
  • unterstützend-erziehend: Die Pflege berät und leitet an, der Patient handelt selbst

Roper, Logan & Tierney und Juchli: die Lebensaktivitäten

Das Modell von Nancy Roper, Winifred Logan und Alison Tierney beschreibt 12 Lebensaktivitäten, die jeder Mensch ausführt, und betrachtet jeden Menschen auf einem Kontinuum zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit, beeinflusst von Lebensphase und Umweltfaktoren.

Die Schweizer Ordensschwester Liliane Juchli übertrug diesen Ansatz in den deutschsprachigen Raum: Ihre 12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) – z. B. „Wach sein und schlafen", „Sich bewegen", „Essen und trinken", „Ausscheiden", „Sinn finden" – prägten über Jahrzehnte die Pflegeplanung in Deutschland. Den Begriff „ATL" hörst du in der Praxis bis heute.

Monika Krohwinkel: Fördernde Prozesspflege (AEDL/ABEDL)

Krohwinkel entwickelte ihr Modell in den 1980er- und 1990er-Jahren in Deutschland, ausgehend von Forschung zur Pflege von Menschen nach Schlaganfall. Ihre Kernidee: Pflege soll fördern – Fähigkeiten erhalten und wiedergewinnen, nicht nur Defizite ausgleichen. Sie beschrieb zunächst 13 AEDL (Aktivitäten und existenzielle Erfahrungen des Lebens), die sie später zu den ABEDL (Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens) weiterentwickelte. Neu waren vor allem die Bereiche „Soziale Bereiche des Lebens sichern" und „Mit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehen".

Krohwinkels Modell war lange das am weitesten verbreitete Modell in der deutschen Altenpflege und ist bis heute ein häufiges Prüfungsthema.

Madeleine Leininger: Kultursensible Pflege

Leininger begründete die transkulturelle Pflege. Pflege soll die kulturellen Werte, Überzeugungen und Lebensweisen des Menschen berücksichtigen. Ihr „Sunrise-Modell" zeigt, welche Faktoren (Religion, Familie, Wirtschaft, Bildung u. a.) die Gesundheit und Pflege beeinflussen. Das Thema gewinnt mit kulturell vielfältigen Teams und Pflegebedürftigen immer mehr an Bedeutung.

Und in der Praxis? Strukturmodell und SIS

In der stationären und ambulanten Langzeitpflege wird heute meist nach dem Strukturmodell dokumentiert, das im Rahmen der Entbürokratisierung der Pflegedokumentation eingeführt wurde. Es besteht aus vier Elementen:

  1. Strukturierte Informationssammlung (SIS®) mit einer Einschätzung aus Sicht der pflegebedürftigen Person und sechs Themenfeldern: kognitive und kommunikative Fähigkeiten · Mobilität und Beweglichkeit · krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen · Selbstversorgung · Leben in sozialen Beziehungen · Haushaltsführung (ambulant) bzw. Wohnen/Häuslichkeit (stationär) – ergänzt um eine Risikomatrix (u. a. Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz, Ernährung)
  2. Maßnahmenplan
  3. Berichteblatt (vor allem für Abweichungen)
  4. Evaluation

Das Strukturmodell ist kein Pflegemodell im theoretischen Sinn, sondern ein Dokumentationsansatz. Die Gedanken der Modelle – Selbstbestimmung, Ressourcenorientierung, Beziehung – stecken aber darin. In Krankenhäusern werden dagegen häufig andere Systeme genutzt, etwa Pflegediagnosen. Wie der Pflegeprozess Schritt für Schritt funktioniert, steht unter Pflegeprozess.

So lernst du Pflegemodelle für die Prüfung

  1. Pro Modell drei Sätze: Wer? Kernidee? Was bedeutet das konkret für die Pflege?
  2. Vergleichen: Bedürfnismodelle (Henderson, Juchli, Krohwinkel) vs. Selbstpflege (Orem) vs. Beziehung (Peplau) – solche Vergleiche sind beliebte Prüfungsfragen.
  3. Am Fall anwenden: Nimm eine Fallsituation und ordne die Probleme den AEDL/ABEDL oder Orems Pflegesystemen zu.
  4. Frag deine Schule: Welches Modell deine Pflegeschule bevorzugt, steht im schulinternen Curriculum – darauf liegt in Klausuren meist der Schwerpunkt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Welches Pflegemodell ist in Deutschland am verbreitetsten?

Historisch waren Juchlis ATL und Krohwinkels AEDL/ABEDL die bekanntesten Modelle. In der Langzeitpflege hat sich in der Dokumentation das Strukturmodell mit der SIS durchgesetzt. In der Ausbildung lernst du trotzdem mehrere Modelle kennen, um verschiedene Sichtweisen auf Pflege zu verstehen.

Was ist der Unterschied zwischen ATL und AEDL?

Die ATL (Juchli) beschreiben zwölf Aktivitäten des täglichen Lebens. Krohwinkels AEDL erweitern diesen Blick um existenzielle Erfahrungen des Lebens, also z. B. Angst, Hoffnung, Verlust oder Freude, und die ABEDL ergänzen zusätzlich die Beziehungen. Das Ziel ist ein ganzheitlicheres Bild des Menschen.

Muss ich die 14 Grundbedürfnisse nach Henderson auswendig können?

Das hängt von deiner Pflegeschule ab. Wichtiger als die vollständige Liste ist meist, dass du die Kernidee erklären und auf eine Situation anwenden kannst. Frag deine Lehrkraft, welche Tiefe in der Klausur erwartet wird.

Quellen

  • Standardlehrbücher der generalistischen Pflegeausbildung (I care Pflege, Thieme; Pflege Heute, Elsevier), Kapitel Pflegewissenschaft und Pflegetheorien
  • Projektbüro Ein-STEP: Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation (SIS®)
  • Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 PflBG
  • Stand: Oktober 2026