Wenn ein Mensch ins Krankenhaus, ins Pflegeheim oder zum ambulanten Dienst kommt, sammelt die Pflege zuerst Informationen: Wie geht es ihm? Was kann er selbst? Wobei braucht er Hilfe? Was ist ihm wichtig? Das nennt man Pflegeanamnese. Sie ist der erste Schritt im Pflegeprozess und die Grundlage für jede Pflegeplanung. Auf dieser Seite lernst du, was hineingehört, wie das Gespräch abläuft, und siehst ein vollständiges Beispiel.
Gut zu wissen: Jede Einrichtung hat eigene Formulare. Im Krankenhaus heißt es oft „Pflegeanamnese“ oder „Aufnahmebogen“, in der Altenpflege meist SIS (Strukturierte Informationssammlung). Der Inhalt ist ähnlich. Frag deine Praxisanleitung, mit welchem Bogen ihr arbeitet.
Was ist eine Pflegeanamnese?
„Anamnese“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet Erinnerung. In der Pflegeanamnese hältst du fest, wie ein Mensch bisher gelebt hat, was er heute selbst kann und wo er Unterstützung braucht. Die ärztliche Anamnese fragt vor allem nach Krankheiten. Die Pflegeanamnese fragt nach dem Alltag: Essen, Schlafen, Bewegen, Waschen, Kontakte, Gewohnheiten.
Die Pflegeanamnese hat drei Ziele:
- Probleme und Ressourcen erkennen, damit du eine passende Pflegeplanung schreiben kannst
- Risiken früh sehen, zum Beispiel für einen Sturz, einen Dekubitus oder eine Mangelernährung
- Den Menschen kennenlernen, mit seinen Wünschen und Gewohnheiten
Woher kommen die Informationen?
| Quelle | Beispiele |
|---|---|
| Gespräch mit dem Menschen | Was er selbst erzählt: Beschwerden, Gewohnheiten, Wünsche, Sorgen |
| Angehörige und Bezugspersonen | Wichtig, wenn der Mensch selbst wenig sagen kann, zum Beispiel bei Demenz |
| Eigene Beobachtung | Haut, Atmung, Gang, Stimmung, wie er isst und trinkt |
| Messungen | Vitalzeichen, Gewicht, Größe, Schmerzskala |
| Einschätzungsbögen (Assessments) | Braden-Skala, Sturzrisiko, Barthel-Index, MNA für die Ernährung |
| Unterlagen | Arztbrief, Medikationsplan, Überleitungsbogen, frühere Pflegedokumentation |
Wichtig: Was der Mensch selbst sagt, sind subjektive Angaben. Was du misst oder siehst, sind objektive Angaben. Schreib dazu, woher eine Information kommt, zum Beispiel: „laut Tochter“ oder „gibt an“.
Was gehört in die Pflegeanamnese?
Die meisten Bögen sind ähnlich aufgebaut:
- Persönliche Daten: Name, Alter, Aufnahmegrund, Kontaktperson, Hausarzt
- Medizinisches: Diagnosen, Medikamente, Allergien, Hilfsmittel (Brille, Hörgerät, Zahnprothese, Rollator)
- Lebensbereiche: Bewegung, Körperpflege, Essen und Trinken, Ausscheidung, Schlaf, Kommunikation, Orientierung, soziale Kontakte. Viele Schulen ordnen das nach den ABEDL von Krohwinkel.
- Risiken: Sturz, Dekubitus, Mangelernährung, Schmerz, Inkontinenz
- Biografie und Gewohnheiten: Beruf, Familie, Hobbys, Rituale, Religion
- Wünsche und Ziele: Was ist dem Menschen wichtig? Was möchte er erreichen?
Zu jedem Bereich gehören Probleme und Ressourcen. Ressourcen sind alles, was der Mensch selbst kann oder was ihm hilft, zum Beispiel: „wäscht Gesicht und Oberkörper selbst“ oder „Tochter kommt täglich“.
So läuft das Aufnahmegespräch ab
- Vorbereiten: Lies vorher den Überleitungsbogen oder Arztbrief. Such dir einen ruhigen Ort und nimm dir Zeit.
- Begrüßen: Stell dich mit Namen und Funktion vor und erkläre, warum du fragst: „Ich möchte Sie kennenlernen, damit wir Sie gut unterstützen können.“
- Offen beginnen: Eine gute erste Frage ist: „Wie geht es Ihnen gerade? Was ist Ihnen jetzt wichtig?“
- Dem Bogen folgen, aber nicht abfragen: Lass den Menschen erzählen. Die Lücken füllst du mit gezielten Fragen.
- Beobachten: Achte schon während des Gesprächs auf Haut, Atmung, Sprache und Beweglichkeit.
- Zusammenfassen: Fasse am Ende kurz zusammen und frag nach: „Habe ich das richtig verstanden?“
- Dokumentieren: Schreib die Anamnese zeitnah auf, sachlich und ohne Wertung. Wie das geht, zeigt die Seite Pflegebericht schreiben.
Nicht alles muss am ersten Tag fertig sein. Vieles erfährst du erst in den nächsten Tagen. Ergänze die Anamnese dann.
Beispiel: Pflegeanamnese im Krankenhaus
Frau L., 81 Jahre, kommt nach einem Sturz zu Hause mit einer Oberarmfraktur links auf die unfallchirurgische Station. Die Fraktur wird konservativ mit einer Schlinge behandelt.
Persönliches: verwitwet, lebt allein in einer Wohnung im 2. Stock ohne Aufzug. Tochter wohnt im Nachbarort und ist Kontaktperson. Früher Verkäuferin.
Diagnosen und Medikamente: Oberarmfraktur links, Bluthochdruck, Arthrose in beiden Knien. Medikamente laut Medikationsplan. Allergie: Pflaster (laut eigener Angabe Hautrötung).
Hilfsmittel: Brille zum Lesen, Gehstock, sonst keine.
Bewegen: geht mit Gehstock in der Wohnung sicher, gibt an, Treppen „nur langsam“ zu schaffen. Sturz beim nächtlichen Toilettengang, kein Licht angemacht. Sturzrisiko erhöht.
Körperpflege und Kleiden: war bisher selbstständig. Kann wegen der Schlinge den linken Arm nicht nutzen. Braucht Hilfe beim Waschen von Rücken und Beinen und beim An- und Ausziehen. Wäscht Gesicht und Oberkörper rechts selbst. Ressource: möchte so viel wie möglich selbst machen.
Essen und Trinken: isst normal, trinkt nach eigener Angabe „nicht so viel, damit ich nachts nicht raus muss“, etwa 1 Liter am Tag. Kann Brot nicht selbst schneiden. Größe 1,62 m, Gewicht 58 kg.
Ausscheidung: geht zweimal pro Nacht zur Toilette. Stuhlgang jeden zweiten Tag, zuletzt gestern.
Schlafen: schläft schlecht, seit der Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Liest abends zum Einschlafen.
Schmerz: in Ruhe NRS 3, bei Bewegung des Arms NRS 6.
Haut: intakt, Hämatom am linken Oberarm.
Kommunikation und Orientierung: zu Ort, Zeit und Person orientiert, hört gut, spricht klar.
Soziales: Tochter kommt täglich, eine Nachbarin geht für sie einkaufen.
Wünsche: „Ich will wieder nach Hause und nicht ins Heim.“
Was ergibt sich daraus für die Pflegeplanung? Ein erhöhtes Sturzrisiko, Hilfebedarf bei Körperpflege und Kleiden, Schmerzen bei Bewegung und eine zu geringe Trinkmenge. Starke Ressourcen sind der eigene Wille, die Orientierung und die Unterstützung durch Tochter und Nachbarin. Wie du daraus Probleme, Ziele und Maßnahmen formulierst, zeigen unsere Pflegeplanung-Beispiele.
Fragen für das Aufnahmegespräch
Du musst nicht alle Fragen stellen. Wähle aus, was zur Situation passt, und sprich in einfachen Worten.
Allgemein
- Wie geht es Ihnen gerade?
- Was ist Ihnen während des Aufenthalts besonders wichtig?
- Wen dürfen wir anrufen, wenn etwas ist?
Bewegen
- Wie kommen Sie zu Hause zurecht? Nutzen Sie einen Stock oder Rollator?
- Sind Sie in den letzten Monaten gestürzt?
- Wird Ihnen manchmal schwindelig beim Aufstehen?
Körperpflege und Kleiden
- Wobei brauchen Sie Hilfe beim Waschen oder Anziehen?
- Duschen oder baden Sie lieber? Morgens oder abends?
- Haben Sie Pflegeprodukte, die Sie gern benutzen?
Essen und Trinken
- Was essen und trinken Sie gern? Was mögen Sie nicht?
- Haben Sie Probleme beim Kauen oder Schlucken?
- Wie viel trinken Sie ungefähr am Tag?
- Haben Sie in letzter Zeit ungewollt abgenommen?
Ausscheidung
- Wie oft gehen Sie nachts zur Toilette?
- Haben Sie manchmal Probleme, den Urin zu halten?
- Wann hatten Sie zuletzt Stuhlgang?
Schlafen
- Wie schlafen Sie? Was hilft Ihnen beim Einschlafen?
- Wann gehen Sie normalerweise ins Bett, wann stehen Sie auf?
Schmerz und Gesundheit
- Haben Sie Schmerzen? Wo und wie stark, von 0 bis 10?
- Haben Sie Allergien oder vertragen Sie etwas nicht?
- Haben Sie eine Brille, ein Hörgerät oder eine Zahnprothese?
Kommunikation und Soziales
- Hören und sehen Sie gut?
- Wer unterstützt Sie zu Hause?
- Was machen Sie gern in Ihrer Freizeit?
- Gibt es etwas, das Ihnen Angst oder Sorgen macht?
- Ist Ihnen Ihr Glaube wichtig? Gibt es Rituale, die wir beachten sollen?
Pflegeanamnese und SIS: der Unterschied
In der Langzeitpflege, also im Pflegeheim und im ambulanten Dienst, arbeiten viele Einrichtungen mit dem Strukturmodell. Dort ersetzt die SIS (Strukturierte Informationssammlung) die klassische Pflegeanamnese. Die SIS hat drei Teile:
- Die Sicht des Menschen: Er beantwortet in eigenen Worten die Frage: „Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun?“ Seine Antwort wird möglichst wörtlich aufgeschrieben.
- Sechs Themenfelder, in denen die Pflegefachkraft ihre Einschätzung beschreibt:
- kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- Mobilität und Beweglichkeit
- krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen
- Selbstversorgung
- Leben in sozialen Beziehungen
- Haushaltsführung (ambulant) oder Wohnen/Häuslichkeit (stationär)
- Die Risikomatrix: Für Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz und Ernährung wird angekreuzt, ob ein Risiko besteht und ob eine weitere Einschätzung nötig ist.
Der größte Unterschied: Die SIS stellt die Sicht des Menschen an den Anfang und verzichtet auf lange Fragenlisten. Die Pflegefachkraft schreibt frei, was in jedem Themenfeld wichtig ist. Mehr zum Strukturmodell findest du auf der Seite Pflegemodelle.
Typische Fehler
- Abfragen wie ein Formular: Lass den Menschen erzählen, sonst erfährst du nur die Hälfte.
- Nur Probleme aufschreiben: Ressourcen gehören genauso dazu, denn die Pflege baut auf ihnen auf.
- Werten statt beschreiben: „Ist ungepflegt“ ist eine Wertung. Schreib, was du siehst: „Haare ungewaschen, Fingernägel lang“.
- Allergien vergessen: Frag immer nach und schreib auch „keine Allergien bekannt“, wenn es so ist.
- Quelle weglassen: Schreib dazu, ob eine Information vom Menschen selbst, von Angehörigen oder aus einem Dokument kommt.
- Nicht ergänzen: Die Anamnese ist nie ganz fertig. Neue Informationen trägst du nach.
Pflegeanamnese in der Prüfung
In den Klausuren bekommst du oft eine Fallbeschreibung, die einer Pflegeanamnese ähnelt. Deine Aufgabe ist dann, daraus Probleme, Ressourcen und Risiken herauszufiltern und eine Pflegeplanung zu schreiben. In der praktischen Prüfung führst du die Informationssammlung bei einem echten Menschen selbst durch. Übe deshalb schon im Praxiseinsatz, Anamnesen unter Anleitung zu machen. Wie die Prüfung abläuft, steht unter Abschlussprüfung.
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Für den nächsten Schritt nach der Anamnese: eine Pflegeplanung als Word-Vorlage mit Formulierungshilfen, dazu Kitteltaschenkarten mit Normwerten, Prophylaxen-Lernkarten und Expertenstandards mit Prüfungssatz.
- 8 Kitteltaschenkarten mit Normwerten, GCS, Infusionsrechnung und SBAR
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Pflegeanamnese und ärztlicher Anamnese?
Die ärztliche Anamnese fragt vor allem nach Krankheiten, Beschwerden und Vorgeschichte, um eine Diagnose zu stellen. Die Pflegeanamnese fragt nach dem Alltag: Was kann der Mensch selbst, wobei braucht er Hilfe, was ist ihm wichtig?
Wer macht die Pflegeanamnese?
Die Pflegeanamnese ist Teil des Pflegeprozesses, und dessen Steuerung gehört zu den Vorbehaltsaufgaben der Pflegefachkräfte. Als Azubi übst du sie unter Anleitung und übernimmst im Laufe der Ausbildung immer mehr selbst.
Wie lange dauert ein Aufnahmegespräch?
Meist 20 bis 45 Minuten. Wenn der Mensch erschöpft ist oder Schmerzen hat, teil das Gespräch auf und ergänze den Rest später.
Was mache ich, wenn der Mensch nicht selbst antworten kann?
Frag Angehörige oder Bezugspersonen und nutze Unterlagen wie den Überleitungsbogen. Beobachte genau, zum Beispiel Mimik, Unruhe oder wie er isst. Schreib immer dazu, woher die Information kommt.
Ist die SIS dasselbe wie eine Pflegeanamnese?
Nicht ganz. Die SIS ersetzt in der Langzeitpflege die klassische Pflegeanamnese, ist aber anders aufgebaut: Sie beginnt mit der Sicht des Menschen, hat sechs Themenfelder statt einer langen Fragenliste und eine Risikomatrix.
Quellen
- Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation (EinSTEP) – SIS mit Themenfeldern und Risikomatrix
- Krohwinkel M.: Fördernde Prozesspflege mit integrierten ABEDLs. Bern 2013
- Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (PflAPrV) – Pflegeprozess als Prüfungsinhalt
- Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 PflBG – Informationssammlung im Pflegeprozess
- Das Beispiel ist frei erfunden, alle Formulierungen sind eigene.
- Stand: Oktober 2026